Zug um Zug, LZ Bergisch Neukirchen

Ab und zu geht die Luft aus

von Ulla Jonen, 8.3.2007, Kölner Stadtanzeiger

Sonntagmorgen: Während Bergisch Neukirchen noch in warmen Federn liegt, geht's am Feuerwehrhaus bereits hoch her. Es ist 9 Uhr, und Löschzugführer Georg Jancke hat für diesen Tag eine Übung angesetzt. Werner soll aus einem total verqualmten Raum rausgeholt werden. Werner, das ist ein Gebilde aus Birkenhölzern, eingehüllt in derbe Klamotten. Und der total verqualmte Raum ist das künftige Zimmer der Jugendwehr im Gerätehaus, der nach Disco-Manier eingenebelt wurde. Die Übung soll vorschriftsmäßig laufen, eben mit allem Drum und Dran. Denn im Ernstfall, das wissen die 35 Aktiven des Löschzugs, darunter zwei Frauen, geht's um Leben und Tod, und deshalb geben die Feuerwehrleute eben alles.

Die alte Wasserspritze von 1904

Nun könnte Horst Schneller, der die Übung an diesem Tag leitet, eigentlich sofort loslegen. Tut er aber nicht. Denn die Anfahrt mit dem Feuerwehrfahrzeug gehört dazu. In dem Wagen legen die freiwilligen Helfer nämlich ihr so genanntes schweres Atemgerät an, ohne das die Werner-Rettung völlig unmöglich wäre. So werden die roten Autos aus dem Gerätehaus gesetzt, langsam und vorsichtig. Für einen imaginären Ernstfall vielleicht ein bisschen mit zu viel Bedacht. Aber die Vorsicht sei absolut notwendig, denn zwischen den Aufbauten der Feuerwehrfahrzeuge und den tragenden Deckenteilen befinden sich nur wenige Zentimeter Luft, erklären Georg Jancke und sein Stellvertreter Ulrich Kramp.

Katscher in der Decke

Und in der Tat zeigen dicke Katscher und Rillen im Deckenbeton, dass dem Löschtrupp ab und an die Luft ausgeht, zumindest an der Garagendecke. „Das ist unser Kernproblem“, sagt der Chef der Bergisch Neukirchener Wehrgruppe, die sich tief im Herzen immer noch als eigenständige Feuerwehr von Bergisch Neukirchen versteht. Denn, das stehe fest, im Ort spreche niemand vom Löschzug, sondern eben von der Feuerwehr in Neukirchen, sagt Jancke.

Zurück zu Katscher und Rillen, zurück zum Kernproblem des Löschzugs: Die Garage des Gerätehauses ist einfach nicht hoch genug. Das Gebäude wurde in den 1960er Jahren gebaut. Für die seinerzeit üblichen Fahrzeuge reichte die Deckenhöhe aus. Aber im Gegensatz zu dem Haus machte die Feuerlöschtechnik stetig Fortschritte, die Fahrzeuge wurden von Mal zu Mal schwerer - und auch höher. Und so kam es, dass das hochmoderne Löschfahrzeug, das die Truppe im Jahre 2004 bekam, einfach nicht in die Garage passen wollte. Natürlich hatten die Verantwortlichen dieses Manko vorher berechnet, und so wurde das Auto niedriger gehalten. Bei diesem Kompromiss ging allerdings ein Stück Drehleiter drauf. Und so können die Bergisch Neukirchener nunmehr zwar in ein zweites Obergeschoss mit ihrer Leiter vordringen, nicht aber in ein drittes, was normalerweise üblich sei, so die beiden Löschtruppführer.

Bereits 2001 habe Jancke, so erzählt er, den Ausbau des Gerätehauses beantragt. „Aber das wurde immer wieder verschoben.“ Eine Entscheidung wurde Jancke zufolge nicht gefällt, einen positiven Bescheid habe er nicht. Und so bleibt der Wehr die Hoffnung, dass der „Rote Hahn“ Wohnungen ab dem dritten Geschoss verschonen möge. Bis auf die wenigen Zentimeter Luft, die doch so entscheidend für die Arbeit des Löschzugs sind, haben Jancke und Kramp am Haus nicht viel zu kritisieren. Platz genug sei da, und im Übrigen seien sich die Feuerwehrleute nicht zu schade dafür, auch selbst Hand anzulegen, Elektroleitungen zu verlegen, zu streichen und eben all die Kleinigkeiten zu tun, die ein Gerätehaus funktionstüchtig macht.

Der Löschzug von Bergisch Neukirchen

Pattscheid angegliedert

Die Feuerwehr in Bergisch Neukirchen wurde 1908 gegründet. Aber bereits 1904 wurde in dem Ort eine Wasserspritze angeschafft. Die steht heute wohlrestauriert im Gerätehaus in Pattscheid. Auch dort hat es mal einen Löschzug gegeben, dem es allerdings an Nachwuchs mangelte und der dann letztlich aufgelöst wurde. Die Pattscheider Kameraden wurden dem Neukirchener Löschzug zugeschlagen. Im Zuge dieser Neustrukturierung wurde den Neukirchenern zugebilligt, eine Jugendgruppe zu gründen. „Das war das Beste, was wir je gemacht haben“, meint Kramp dazu, und Jancke fügt an: „ . . . das Allerbeste.“ Denn eine starke Jugendgruppe bedeute mittel- und langfristig eine sichere, ortsgebundene Feuerwehr. In diesem Jahr werden es vier junge Leute sein, die in den aktiven Dienst im Löschzug eintreten, im vergangenen Jahr waren es zwei.

Die Neukirchener halten es mit den jungen Leuten nicht militärisch genau. Man versteht sich als Familie, und aus einer funktionierenden Familie wird eben niemand rausgeworfen, auch dann nicht, wenn junge Feuerwehrleute fernab der Heimat ihre Berufsausbildung machen, sei's eine Lehre, sei's ein Studium. „Die kommen dann mal zur Weihnachtsfeier“, erzählt Jancke, und mit ein bisschen Glück würden sie wieder in Neukirchen landen und natürlich wieder 100-prozentig mitmachen.